Vorwort
Dieses Buch hat eine längere, aber kuriose Entstehungsgeschichte, die wie alles, mit einer Idee begann.
Über 20 Filme hatten wir belichtet, und kaum aus der Sowjetunion zurückgekehrt, machten wir uns an die Arbeit.
Für eine dokumentarische Ausstellung stellten wir die Bilder zusammen und entwickelten diese.
Obwohl wir während der Arbeit in der Dunkelkammer uns mehr als einmal geschworen haben, in der nächsten Zeit keines der vielen Fotos von der Friedensfahrt in die Hand zunehmen, siegte letztendlich unsere Idee vom
Tagebuch
Dieses liegt nun vor Euch! Wir haben versucht, die Aussagekraft der Fotos mit Texten zu unterstützen. Neben Begegnungen mit vielen interessanten Menschen, mit der Geschichte und der Kultur des Landes und unvergesslichen persönlichen Eindrücken erlebten wir alle, wie aus dem buntgemischten Haufen – mit seinen verschiedenen Typen – eine Gruppe wurde.
Dieser Gruppe danken wir, dass diese Dokumentation nicht eine sterile Beobachtung von Ereignissen geworden ist, sondern eine lebendige Schilderung, die durch den Zusammenhalt der Gruppe geprägt ist.
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Die Fahrt
Verabschiedung und Non-Stop-Fahrt
Es war soweit! Nach all den Vorbereitungen, Schwierigkeiten und der Hektik – aus Angst nicht fertig zu werden – war der Tag da.
Der 1. September 1990!
An der IGBE Bezirksleitung in Recklinghausen war der erste Treffpunkt. Um 8:00 Uhr wurde der Bus beladen; außer unserem Gepäck mussten noch diverse Materialien und Geräte der einzelnen Kulturprojekte in den Bus verladen werden. Jeder sicherte sich einen Platz, verstaute sein Handgepäck und lagerte seine „Fressalien“ für zwei Tage.
Nachdem die Reisepässe mit den Visa verteilt worden waren, gingen wir in kleinen Gruppen zu unserem zweiten Treffpunkt: dem Löhrhofcenter. Hier fand die offizielle Verabschiedung statt.
Auf den Weg dorthin fand eine kurze Fotosession mit IGBE-Transparent statt.
Vorbeigehende Bürger schauten etwas irritiert – egal, wir hatten unseren Spaß. Und, die gute Laune ließ einen die Ungewissheit vergessen.
Am Löhrhofcenter angekommen, fuhr der Bus gerade auf den Platz. Für jedermann sichtbar: eine Grafik über das Ziel und dem Zweck der Fahrt – von Boni gezeichnet – und künstlerisch am Heck des Busses angebracht.
Dieser Bus sollte nun unser rollendes Zuhause sein.
Pünktlich um 9.30 Uhr begann die Veranstaltung. Kurzfristige Programmänderung: Die Rockband fiel wegen des anhaltenden Regens aus, weder das Wetter, noch der verLust trübten unsere Stimmung.
Neben Hans Nymphius (DGB) und dem stellvertretenden sowjetischen Botschafter aus Bonn, sprach für die Jugenddelegation Klaus Terheyden.
Unsere Fahrt soll zeigen, dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg ist, sondern ein ständiger Prozess der Völkerverständigung ist und bleibt.
Zum Abschied sprach der 1. Vorsitzende des DGB Hans Werner Meyer und sagte unter anderem:
„Seit Euch im Klaren über die friedensstiftende Funktion dieser Reise. Und sagt überall, wir meinen es ernst, wenn wir sagen, vom deutschen Boden wird nie wieder Krieg ausgehen, vom deutschen Boden muß künftig Frieden ausgehen! Frieden gestalten, heißt neue Wege gehen.“




Bevor wir in den Bus stiegen, wurden noch Fotos für die Presse gemacht. Wir verabschiedeten uns von Freunden, Verwandten, Freund oder Freundin und stiegen ein.
Diethard Bendrat, Bezirksleiter der IG BE in Recklinghausen, gab uns die besten Wünsche mit auf den Weg. Ihn würden wir in Donezk wiedersehen.
Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, als sich die Bustüren schlossen und wir durch Recklinghausen zur Autobahn fuhren. Noch einmal an der Bezirksleitung vorbei; hier sollte in 19 Tagen unsere Friedensfahrt ihr Ende finden. Doch bis dahin …
Reiner unser Busfahrer griff zum Mikro, stellte sich und Claudia vor und sagte etwas zu den Verhaltensweisen bezüglich Müll, WC etc. während der Fahrt.
Kaum auf der Autobahn, hatten wir uns auch schon verfahren. Es sollte nicht das letztemal sein. Nach einem kleinen Umweg über Herne, fuhren wir auf die A2 Richtung Hannover/Berlin auf.
„Erst einmal im Sitz gemütlich machen“, meinte Jürgen Grunwald. Viele taten es ihm gleich, und allmählich legte sich die Aufregung.
Die Langeweile vertrieben wir uns mit allen möglichem: lesen, Musik hören, spielen oder Kaffee im freiem Fall beobachten. Um 16 Uhr erreichten wir, nach einigen Staus, Helmstedt. Auf dem Rasthof Waldkater machten wir eine Stunde Rast, um uns die Beine zu vertreten, zu Hause anzurufen und um etwas zu essen.
17.20 Uhr: Wir durchfuhren den Checkpoint-Alpha. Die Grenzanlagen lagen verlassen und leer da. Dort wo vor knapp einem Jahr noch DDR-Grenzsoldaten über den Transitverkehr wachten und entlang der Transitstrecke patrouillierten, war keine Menschenseele zu sehen. Die Autobahn wurde von Wäldern und Feldern gesäumt, wir konnten nur anhand der Hinweisschilder erkennen, wo wir uns befanden.
Polen
Gegen 21:00 Uhr erreichten wir im Dunkeln Frankfurt a. d. Oder. Vor dem Grenzübergang staute sich der LKW- Verkehr in einer kilometerlangen Warteschlange. Fredi meinte, dass wir den Zeitplan einhalten müssen, deshalb blieb uns nichts anderes übrig, als zu versuchen an der Kolonne der unzähligen Lastwagen vorbeizufahren. Das war leichter gesagt als getan. Es blieb uns rechts nur ein halber Randstreifen und eine Grasnarbe. Der Bus fuhr im Schrittempo los. Links und rechts waren kaum noch 5 cm zwischen den Lkw’s und den Bäumen. Teilweise mußte Reiner die Außenspiegel einklappen, um – von Boni gelotst – weiterzukommen. Claudia, die Busfahrerin, ging vor, um den Bus einzuweisen, da außer der Enge des Weges auch noch riesige Schlaglöcher in der Fahrbahn waren. Nach einer halben Stunde hatten wir es dann endlich geschafft.
Nun hieß es: „Alles hinsetzen, Pässe und Visa griffbereit halten.“ Wir reihten uns in der PKW-Spur ein, weil diese schneller abgefertigt wurde. Nach einer Viertelstunde waren wir an der Reihe. Christian und Martin dolmetschten. Die Pässe und Visa wurden eingesammelt, keine weiteren Kontrollen.
Ein Teil der Gruppe ging los, um die Toiletten zu suchen. Doch vorher mussten wir Geld wechseln. Frank bekam für 1 DM 5900 Slotti (das entsprach umgerechnet ca. 25 Toilettenbesuchen).
Schon von weitem wusste man, wo sich die WC-Anlage befand. Anja sagte: Es riecht wie ein Puma-Käfig!
Um 22.30 Uhr hatten wir die polnische Grenze hinter uns gelassen und fuhren Richtung Warschau weiter.
In der Nacht vom 1. auf den 2. September feierten wir Fredi’s Geburtstag. Doch schon bald schliefen alle vor Müdigkeit ein.
Am frühen Morgen – so gegen 6:00 Uhr – als wir Warschau, die Hauptstadt Polens, erreichten, wurden die ersten wach. Auf der Suche nach der Transitstraße Richtung Brest (UdSSR) hatten wir uns in Warschau verfahren. Wen sollten wir fragen, die Straßen waren menschenleer. Doch wir hatten Glück! Drei PKW hielten vor uns am Straßenrand. Ein Fahrer gab uns durch Gesten zu verstehen, dass wir anhalten sollten. Christian und Martin unterhielten sich mit ihm, da sie polnisch sprechen. Die Leute zeigten uns den Weg zur Grenze.
Als wir aus Warschau herausfuhren, sahen wir ein Hinweisschild: 1245 km bis Moskau.
Über eine Landstraße fuhren wir Richtung polnisch-russische Grenze.
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Das Straßenbild wurde durch Bauern, die ihre Kühe zur Weide trieben und durch Pferdegespanne bestimmt.
Nach einer etwa 24 stündigen Non-Stop-Fahrt durch die BRD, der DDR und Polen, erreichten wir die polnische Grenze vor Brest. Nach routinemäßiger Abfertigung am polnischen Grenzübergang betraten oder besser gesagt befuhren wir sowjetisches Gebiet.
Einreise UdSSR
9.50 Uhr: Der Bus wurde neben einem polnischen Bus eingewiesen. Beim Versuch auszusteigen kam sofort ein Grenzbeamter und gab gebärdenreich zu verstehen, das keiner den Bus verlassen durfte. Da wir nicht hinaus konnten und keiner nach uns Ausschau hielt, harrten wir aus.
Eine deutschsprechende Zollbeamtin kam in den Bus, kühl und beherrscht sammelte sie die Reisepässe ein, unter genauester Gesichtskontrolle. So still war es seit der Abfahrt noch nie, keine unnütze, lärmende Bewegung. Alle Gespräche verstummten. Wir kamen uns unter dem prüfenden Blick beobachtet und durchschaut vor.
Die Ladeluken des Busses wurden geöffnet und einer visuellen Kontrolle unterzogen.
Die Insassen des polnischen Busses (vermutlich Fremdarbeiterinnen) drängten an die Fenster und blickten staunend und neugierig auf die dort zu sehende Taschen- und Kofferfront.
Aufatmen, als die Zollbeamtin mit den Pässen im Gebäude verschwindet.
In einer Zolldeklaration mussten wir Angaben über mitgeführte Devisen und Wertgegenstände machen. Nach hektischem Ausfüllen und Abgabe der Zolldeklaration, mussten wir aussteigen und zu Fuß durch die Zollabfertigung gehen.
Viele hatten den gleichen Weg – wie schon an der polnischen Grenze – zur Toilette. Vorsichtig geworden öffnete so mancher die Tür und ging ‚unver- richteter‘ Dinge wieder nach draußen, denn der Zustand der sanitären Anlagen entsprach – zaghaft umschrieben – bei weitem nicht den gewohnten sanitären Standard.
Fredy suchte unseren Betreuer von der sowjetischen Gewerkschaft, der uns hier erwarten sollte. Er fragte immer wieder nach mit den Stichwörtern Kulturaustausch und Zentralrat. Doch niemand konnte helfen. Da wir keine näheren Angaben hatten, konnten wir nur warten.
Währenddessen wurde der Bus auf eine Bühne gefahren, von unten abgesucht und auch von innen kontrolliert.
Wieder im Bus passierten wir den Schlagbaum.
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Wir hielten auf dem Parkplatz. Fredi schlug vor zu warten, …da wir erst gegen Mittag hier erwartet werden. Es war ja vorher nicht abzusehen, dass wir die Strecke von Recklinghausen bis Brest, gute 1300 Kilometer, in weniger als 26 Stunden schaffen würden.
Zum Zeitvertreib schlenderte manch einer an der end- losen Schlange der überfüllten, überwiegend polnischen, Busse vor der Grenze entlang. Andere kamen mit amerikanischen Touristen ins Gespräch, die mit 25 Wohnmobilen durch Europa fuhren.
Eine Frage hielt uns einige Zeit in Atem. Wie spät war es nach hiesiger Zeit? mussten wir die Uhren eine oder zwei Stunden vorstellen? – Eine Stunde, wie die Auskunft der Grenzbeamten ergab.
Nach vierstündiger Wartezeit hatten wir gelernt, das Zeit in diesem Land eine Nebensache ist.
Die Schwarzhändler, die auf uns zukamen, waren mittlerweile auch nicht mehr außergewöhnlich für uns. Auch das Spiel, bei welchem wir die ankommenden Wagen beobachteten, denn in jedem konnte unser Betreuer sitzen, wurde auf die Dauer langweilig.
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Abwechslung brachte uns ein Wagen, der sich im Sand festgefahren hatte und von uns Starthilfe bekam.
Fünf Stunden warten. Hatte man uns vergessen? Einer von uns ergriff die Initiative, er sollte sich im Laufe der Fahrt zum „heimlichen Manager, Dolmetscher, Organisator u. v. m. entwickeln – Frank. Er ging zurück zur Grenze und verhandelte mit den Zöllner, schaffte es nochmal ins Gebäude zukommen und erklärte dort unsere Situation. Er sprach von Meeting of young miners usw. und da wurde man hellhörig. Young miners? Ja! – Da,da! Man wusste Bescheid! Frank setzte sich telefonisch mit dem Betreuer in Verbindung, der uns im Hotel erwartete; Nach fast sechs Stunden setzte sich der Bus wieder in Bewegung – Richtung Brest.
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Brest
Auch hier wie in Polen riesige mehrspurige Straßen, breite Boulevards, kaum Autos und Menschen, alles grau in grau. Die ersten Trolléj-Busse.
Wir fragten nach dem Weg und machten Bekanntschaft mit der Freundlichkeit und Zuvorkommenheit der Menschen. Ein junges Pärchen bot sich spontan an mit uns zu fahren, um uns den Weg zum Hotel Belarussia zu zeigen.
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Am Hotel angekommen erkundeten Fredi, Jürgen und Frank die Lage. Wir entluden den Bus und trafen uns in der Hotelhalle.
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Schlüsselvergabe, Aufzug fahren, Zimmer beziehen, Frisch machen, Abendessen mit Begrüßung von Seiten der Hotelleitung und des Betreuers Vladimir, der uns bis Donezk begleiten sollte. Frank übernahm auch weiterhin die Rolle des Dolmetschers, weil Vladimir kein deutsch und nur sehr wenig englisch sprach.
Einige erkundeten im Regen die Umgebung. Es stimmte, was man uns vor der Fahrt gesagt hatte, es sah hier wirklich aus wie in den ’50 und ’60 Jahren bei uns. Die wenigen Geschäfte hatten kaum Schaufensterauslagen und leere Regale.
Die ersten Rubel wurden schwarz getauscht, weil es so spät Abends keine offizielle Umtauschmöglichkeit in einer Bank gab, und weil der inoffizielle Kurs wesentlich günstiger war. Der Bankkurs war während unseres Aufenthaltes 3:1; der Schwarzmarktkurs lag bei 1:10. Das hieß, wir bekamen für 30 DM anstatt 10 Rubel offiziell getauscht, 300 Rubel schwarzgetauscht.
Im Restaurant wurde Wodka für 1 DM je Flasche bestellt; in der 8 Etage fand eine Flurfete statt mit Der kleine Preis. Danach, endlich in einem Bett und nicht im Bussitz schlafen.
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Früh morgens wurden wir durch das Starten der Linienbusse, die hinterm Hotel parkten, geweckt.
Besonderheiten des Tages: Carsten hat Geburtstag und zwei Kollegen schliefen noch.
Vor der Stadtrundfahrt gaben wir in der Hotelhalle einige Rubel für Briefmarken, Karten oder eine Prawda aus.
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Erste Konfrontation mit der sowjetischen Geschichtsdarstellung in der Brester Heldenfestung, dem ehemaligen Kriegsschauplatz nahe der polnisch-russischen Grenze.

Im 2. Weltkrieg leistete hier eine 7000 Mann starke Garnison – die sogenannten sowjetischen Verteidiger von Brest – zwei Monate Widerstand gegen die rasch vorstoßenden deutschen Truppen. Die Festung ist heute Museum und Denkmal.
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Die Ewige Flamme vor dem Erinnerungsdenkmal der Verteidiger wird tagsüber von Schülern bewacht. Jede 20 Minuten wechselt die Gruppe. Für die Ehrenwache werden die Schülerinnen und Schüler eine Woche von der Schule beurlaubt.
An der Ewigen Flamme legten wir einen Kranz nieder und gedachten der Opfer.
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Wir sahen die imposanten Denkmäler und hörten in den Berichten von den Heldentaten der Verteidiger und den Kriegsgeschehnissen immer wieder ein Wort Hitlerfaschisten. Da uns diese Bezeichnung nicht geläufig war, fragten wir nach, was sie bedeutete. Die Dolmetscherin erklärte uns, dass in Weißrußland die Bezeichnung Hitlerfaschisten für alle deutschen Truppen stand.
Von Artillerie beschossen, von Flugzeugen bombardiert und von Flammenwerfern attackiert, schmolzen Stahl, Glas und Ziegel.
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Die Einzelschicksale der Verteidiger wurden im Museum der Heldenfestung mit persönlichen Gegenständen dargestellt. Der anschließende Filmvortrag dokumentierte anhand von ‚Wochenschau‘-Ausschnitten und Berichten von Zeitzeugen die Kriegsgeschehnisse.
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Eingeschüchtert und überwältigt von der monumentalen Bauweise und der Informationsflut verließen wir durch das Haupttor die Festung.
Es ertönte aus versteckten Lautsprechern abwechselnd Militärgesänge, Geräusche von Maschinengewehrsalven,Flugzeugen und einschlagenden Bomben.
Nachdenklich kehrten wir zum Hotel zurück. Diese historischen und ergreifenden Schilderungen beschäftigten uns noch nach der Abfahrt von Brest.
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Zum erstenmal tankten wir in der UdSSR den Bus auf. Tankstellen sind dort Sicherheitsbereiche. Deshalb mussten wir alle, wegen der Explosionsgefahr, aussteigen. Reiner und Claudia tankten 250 Liter Diesel für 75 Rubel (ca. 7,50 DM).
Wir verließen Brest und fuhren 370 km nach Minsk, der Hauptstadt von Weißrußland.
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Minsk
Nach gut 5 Stunden erreichten wir abends den Stadtrand von Minsk. Claudia meldete sich durch das Mikro zu Wort: „Vladimir hat gesagt, das es besser ist, innerhalb der Stadt nicht im Bus zu stehen. Da die Miliz sehr streng kontrolliert.“
Von unseren Plätzen aus verfolgten wir das ‚Hotel-such-Spiel‘. Vladimir kannte sich in Minsk nicht aus; so dass wir erst mehrfach nach dem Weg fragen mussten, ehe wir das Hotel Planeta fanden.
Die Delegation der hiesigen Gewerkschaft erwartete uns schon zum Abendessen. Aus diesem Grund mussten wir rasch unsere Zimmer beziehen.
So rasch wie geplant, ging es nicht. Denn zur gleichen Zeit hatten die Basketballer, die an einer Meisterschaft teilnahmen, Trainingsschluß. Vor den Aufzügen gab es ein riesiges Gedränge und Sprachgewirr. Die Sportler kamen unter anderem aus Kuba, China und Bulgarien, wie wir aus Gesprächen mit ihnen erfuhren.
Wir trafen uns am Bus vor dem Hotel. Uns wurde gesagt, dass wir zu einem Restaurant fahren, wo wir von Vertretern des örtlichen Gewerkschaftsrates offiziell begrüßt werden sollten.
Der Bus fuhr los, um nach 200 Metern anzuhalten. Ein Vertreter der Gewerkschaft empfing uns am Restaurant, nach der wohl kürzesten Busfahrt.
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Die Begrüßung durch den Vertreter des örtlichen Gewerkschaftsrates fand im Rahmen eines Abendessens statt.
In der Hotelhalle wurde später der Ablauf des folgenden Tages besprochen. Die Teilnehmer der Video- und Fotogruppe sichteten das Filmmaterial. Ein Teil der Gruppe ging noch in die Hotelbar. Für Devisen gab es westliche Getränke und sogar Zigaretten.
Nur in den Touristenhotels gab es die Möglichkeit den Abend in geselliger Runde zu verbringen, denn Kneipen, Cafes oder etwas ähnliches, wie wir es kennen, sucht man vergebens in der Sowjetunion.
Chatyn
Am Dienstagmorgen, es regnete wieder einmal, fuhren wir nach dem Frühstück nach Chatyn.
Noch vor Antritt der Friedensfahrt war dieser Programmpunkt umstritten und Thema in den Briefen zur Vorbereitung der Fahrt. Die sowjetischen Gewerkschaftskollegen verstanden nicht, warum wir den Ort solcher Grausamkeiten besuchen wollten. Da aber auch diese Taten zur deutsch-sowjetischen Geschichte gehörten, wollten wir zum besseren Verständnis diesen Ort sehen.

Natascha, die Dolmetscherin, erzählte uns auf der Fahrt zum ehemaligem Bauerndorf Chatyn, wichtige Daten der Stadt Minsk und zeigte besondere Bauwerke (Platz des Sieges, Kathedralen, Akademieviertel usw.), an denen wir vorbeifuhren.
Chatyn die zentrale Gedänkstätte in Weißrußland für alle im 2. Weltkrieg zerstörten Dörfer, liegt ca. 70 km von Minsk entfernt.
Wenn man den ‚Friedhof‘ sieht, der verhältnismäßig klein wirkt, wird einem das Ausmaß des Geschehens – besser gesagt der Verbrechen – nicht deutlich. Erst nachdem erklärt wurde, das jede Urne auf einem Grab ein verbranntes Dorf symbolisierte, wurden die Gesichter nachdenklich.
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186 Dörfer hatten das gleiche Schicksal wie Chatyn, sie wurden komplett zerstört und nicht wieder aufgebaut. Die Bevölkerung überlebte die Angriffe nicht. Weitere 433 Dörfer wurden ebenfalls niedergebrannt und zerstört, sind aber später wieder aufgebaut worden.
Wie Natascha uns erzählte, wird Chatyn auch die Stadt der ewigen Glocken genannt.
In Chatyn standen 26 Häuser, die heute nur noch als Grundriß dargestellt sind. Anstelle der Schornsteine der ehemaligen Bauernhäuser sind Glockentürme errichtet worden. Alle 30 Sekunden läuten die Glocken als ewige Mahnung.
Ein Vater und seine zwei Söhne überlebten Chatyn. Sie waren lebende Zeugen der Kriegsgeschichte und erinnerten ebenso wie die Gedänkstätte, an Leid, Heldentum und Unerbitterlichkeit der sowjetischen Zivilbevölkerung in ihrem Kampf gegen die faschistischen Angriffe.
Auf der Rückfahrt von Chatyn nach Minsk wurde das Gesehene und Gehörte heftig diskutiert.
Minsk
Während der Stadtrundfahrt am Nachmittag erfuhren wir von Natascha etwas über die Geschichte von Minsk und über die Baudenkmäler. 1067 wurde Minsk zum erstenmal urkundlich erwähnt. Neben vielen Informationen erfuhren wir auch, dass das Durchschnittsalter der 1,3 Mio. Einwohner von Minsk 32 – 34 Jahre beträgt. Potsdam ist die Partnerstadt.
Zum Abschluß legten wir noch Blumen am Platz des Sieges nieder. Die Ewige Flamme vor dem Obelisken brennt zum Gedenken der sowjetischen Kämpfer im 2. Weltkrieg.
Nach der Stadtrundfahrt hatten wir zwei Stunden Freizeit; die Zeit nutzten wir, um auf eigene Faust die Innenstadt zu erkunden.
Das größte – staatliche – Kaufhaus Gum war unser erstes Ziel. Dort konnten wir uns ein Bild von der Versorgungslage machen. Die Schaufenster waren, wenn überhaupt, nur mit einer Sorte Waren dekoriert. Eine Spielzeugabteilung, welche in unseren Kaufhäusern ein Muß ist, suchten wir vergeblich. Obwohl es wenig zu kaufen gab, nur Kurzwaren und einfache Textilien gab es in größeren Mengen, war das Kaufhaus überfüllt von Menschen. An einer Theke, vor der eine lange Menschenschlange stand, wurden Seifen und Zahnpasten verkauft.
Es gab aber auch positive Seiten an der Wirtschaft des Landes zu entdecken, so wurden z. B. Plastiktüten für umgerechnet 2 DM je Stück verkauft, dafür konnte man sonst ein großes Brot kaufen.
Natascha zeigte uns auch das Touristenkaufhaus, einen Intershop. In diesen Beruskija-Läden war das Angebot reichhaltiger. Hier gab es fast alles, was das Herz begehrte. Der Nachteil: Die Ware ist zwar in Rubeln ausgezeichnet, muß aber zum dreifachen Preis in Devisen bezahlt werden. Ein Durchschnittsbürger der Sowjetunion kann es sich nicht leisten hier einzukaufen.
Wieder zurück im Hotel versammelten wir uns alle in der Empfangshalle und probten für den Chorauftritt im Kurheim der sowjetischen Eisenbahnergewerkschaft. Wir fuhren gespannt und neugierig dorthin.
Herzlich wurden wir von der Minsker Folkloregruppe der sowjetischen Eisenbahnergewerkschaft begrüßt,mit ihnen sollten wir den Abend gestalten.
Im Foyer wurde die Buttongruppe von Kindern umringt. Die Begeisterung über die verteilten Anstecker mit Motiven des Kulturaustausches war so groß, dass die Kollegen Angst hatten erdrückt zu werden.
In der Begrüßungsrede wurde unter anderem erwähnt, dass in dem Kurheim evakuierte, kinderreiche Familien aus dem Sperrgebiet von und um Tschernobyl untergebracht waren. Gut 500 Zuschauer waren im Saal.
Die Folkloregruppe trug ukrainische Volkslieder und -tänze vor, in denen wir mit einbezogen wurden. Die unbeschwerte und begeisterte Vortragsweise riß uns mit. In wechselnden Auftritten mit der Folkloregruppe, traten die Breakdancer auf. Sie lösten zuerst Erstaunen wegen der eigenartigen Tanzbewegungen aus, aber bald klatschten alle im Rythmus der Musik mit. Zum Abschluß traten wir als Chor auf und sangen Arbeiterlieder. Beim letzten Lied Brüder zur Sonne zur Freiheit stimmten alle im Saal mit ein.
Der deutsch-russische Gesang ging in einem gemeinsamen Tanz über. Das begeisterte Publikum überreichte uns Blumen und brachte in anschließenden Gesprächen ihre Freude zum Ausdruck. Noch nie hatte es so einen Kulturabend gegeben. Auch wir waren von der Darbietung und der Herzlichkeit, die uns entgegengebracht wurde bewegt. Der Abschied fiel auf beiden Seiten schwer.
Am nächsten Tag fuhren wir über Gommel nach Kiew. Von nun an entfernten wir uns wieder von Moskau, in Minsk waren wir der sowjetischen Hauptstadt am nächsten, 710 km.
Auf der Fahrt hatten wir viele Gesprächsthemen; wir diskutierten über die Eindrücke beim Besuch der Gedenkstätte Chatyn und tauschten Erlebnisse während des Kulturtreffens im Kurheim aus.
Auch der Reaktorunfall und seine Folgen für die Bevölkerung und die Wirtschaft beschäftigte uns, je näher wir Tschernobyl kamen. Das Mittagessen in Gommel nahmen wir mit gemischten Gefühlen zu uns, obwohl uns Vladimir versicherte, das die Lebensmittel streng kontrolliert werden.
Während der Weiterfahrt lenkten wir uns ab, indem wir Lieder probten und Klaus und Christian den Pretty Fredi-Rap sangen.
Kiew
Nach ca. 570 km kamen wir in Kiew an; die obligatorische Hotelsuche begann wieder.
Das Abendessen im Hotel Tourist wartete schon auf uns. Bei der Begrüßung durch den Vertreter des örtlichen Gewerkschaftsrates und Ludmila, der Dolmetscherin, erhielten wir Mädels Blumensträuße. Fälschlicherweise wurde Christian wegen seiner Lockenmähne auch für ein Mädchen gehalten und stiftete Verwirrung.
Eigenartig war uns zumute; nachmittags waren wir nahe an Tschernobyl vorbeigefahren und immer noch waren wir im Bannkreis, wie es schien. Keiner traute sich so recht zu essen. Die Hotelleitung wies nochmals daraufhin, dass die Lebensmittel sehr streng kontrolliert und speziell für Touristenhotels eingekauft werden. Es schmeckte eigentlich auch ganz normal. Der Hunger war stärker.
Am nächsten Morgen besichtigten wir mit Ludmila Kiew, die Hauptstadt der Ukraine. Sie ist die drittgrößte Stadt der Sowjetunion, mit 2,7 Millionen Einwohnern und einer Fläche von 780 Quadratkilometern. Im Jahre 559 wurde die Stadt zum erstmalig in einer Chronik erwähnt. Sie wird auch Mutter der russischen Städte genannt, wie wir von Ludmila erfuhren.
Der sagenhaften Entstehungsgeschichte nach, kamen einst die drei Brüder Ki, Schtschek und Choriw zusammen mit ihrer Schwester Lybid in einem Boot den Dnepr heruntergefahren. Da ihnen die liebliche Gegend so gut gefiel, beschlossen sie, sich hier nieder zu lassen. Die Siedlung wurde nach dem ältesten Bruder Ki, Kiew genannt. Die Namen der anderen Geschwister sind in zwei Hügeln der Stadt, Schtschèkowica gorà und Choriw, und in einem Flußnamen, rekà Lybid (heute fließt er unterirdisch) enthalten.
Ludmila zeigte uns die untere und obere Stadt, sowie den Dnepr mit seinen Badeinseln und wusste uns viel Interessantes zu berichten.

Die Andreas Kirche, eine orthodoxe Kirche, die im 18. Jahrhundert im Barockstil erbaut worden ist. Sie liegt am höchsten Punkt des alten Stadtviertels an der ältesten Straße Kiews.
An der Kiewer Oper, auch Schewtschenkotheater für Oper und Ballett genannt, mussten wir eine Pause machen, weil Ludmila über ‚Intourist‘ (die staatliche Gesellschaft für Fremdenverkehr in der UdSSR) versuchte Diesel für unseren Bus zu organisieren.
Bei der Menge die wir benötigten war es nicht leicht eine Tankstelle in der Umgebung zu finden.
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Auf der Fahrt zum Aussichtspunkt auf dem Dnepr-Hügel, sahen wir u. a. das Goldene Tor (altes Stadttor), das Ministerviertel und die Universität Schewtschenko mit 21.000 eingetragenen Studenten und 19 Fakultäten. Wir erfuhren, dass in Kiew die erste Schule und Bibliothek in der Sowjetunion gegründet worden waren.
Mittlerweile hatten wir uns an die langen Menschenreihen vor einigen Geschäften gewöhnt, sie gehöhrten mit zum alltäglichen Stadtbild.
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Die Dreifaltigkeitskirche ist der Eingang des Höhlenklosters, dass von dem Mönch Ilarión gegründet wurde. Es entstand aus einer Eremitengemeinschaft, die in die lehmigen Abhänge des Dnepr-Steilufers Höhlen gruben und dort Gott dienend lebten. Die ehemaligen Gebets- und Meditationshöhlen dienten mehr und mehr als Grabkammern als die ersten Klosterbauten über der Erde entstanden. Heute sind die Höhlen das Museum der Mumien.
Im Klosterbereich sahen wir viele alte, bettelnde Menschen. Unter ihnen auch viele behinderte, wie diesen blinden Spieler. Sie versuchen mit den Almosen der Touristen ihre staatliche Altersversorgung, von umgerechnet 100,- DM je Monat, aufzubessern.



Nach der Stadtbesichtigung machten wir noch eine Schiffahrt auf dem Dnepr. Wir nutzten die Zeit zum Austausch unserer Eindrücke, die wir bis dahin gemacht hatten. Jörg, unser Radioreporter, machte Interviews.
Den frühen Nachmittag nutzten viele von uns um das Stadtzentrum von Kiew auf eigene Faust zu erkunden.
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Die Hauptstraße Kreschtschßtik war sehr belebt. Auch hier sehr breite Boulevards mit Bäumen bestanden. Ministerien, Hochschulen, staatliche Einrichtungen, Kaufhäuser, Lebensmittelgeschäfte, Metro-Stationen und Hotels säumen die 1250 Meter lange Hauptstraße.
Zurück zum Hotel fuhren wir mit der Metro. Nachdem wir 5 Kopeken für die Fahrt in den Automaten geworfen hatten, fuhren wir auf einer endlos scheinenden Rolltreppe hinab.
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Die Metrostationen liegen auf dem linken Dnepr-Ufer bis zu 100 Meter unter der Erde.
Auch in Kiew wollten wir Gespräche mit jugendlichen Gewerkschaftern führen. Leider erfuhren wir von Ludmila, das es nicht eingeplant war. Wir sollten Kiew nur als Touristen erleben wie es schien. Deshalb fuhren wir abends mit der Metro wieder ins Stadtzentrum und erkundigten uns nach den diversen Schülern- und Studententreffpunkten. Und dort nahmen wir Kontakte mit den Jugendlichen auf.
Schnell kamen wir zum Hauptthema unserer Gespräche, wir wurden zur bevorstehenden Vereinigung beider deutscher Staaten regelrecht ausgefragt. Die sowjetischen Jugendlichen wünschten sich in ihrem eigenem Land einen ähnlich schnell ablaufenden Reformprozeß. Sie sprachen gleichzeitig aber auch über ihre Ängste, weil sie glaubten mit der Wiedervereinigung trete eine Veränderung in der politischen und wirtschaftlichen Ost-West-Beziehung ein.
Besonderheiten des Tages: Einige Ausfälle wegen Magen- und Darmbeschwerden und die Sonne schien.
Es war schon Freitag der 7. September; wie die Zeit verging.
Wir besichtigten außerhalb der Stadt das Freilichtmuseum für ukrainische Landwirtschaft und Kultur.
Zu sehen waren Dörfer aus verschiedenen Epochen. Eine alte Schule, eine Kirche (nur aus Holz gebaut), landwirtschaftliche Gebäude und Geräte. Die Wohnhäuser waren zeitgerecht möbliert.

Anschließend fuhren wir mit Ludmila zur Sophienkathedrale. Sie berichtete über die Geschichte der orthodoxen Kirche, die vor 1000 Jahren mit einer Massentaufe im Dnepr Einzug hielt.
Außergewöhnlich an der Sophienkathedrale ist die Kombination von Fresken und Mosaiken.
Während des Rundganges durch die Kathedrale, setzte sich ein Teil der Gruppe ab.
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Ein Mann auf dem Vorplatz der Kathedrale, der Scherenschnitte von Personen machte, war interessanter als die Flut von Informationen und Daten während der Besichtigung.
Michael nutzte die selbstgewählte Pause, um Interviews vor laufender Kamera zu filmen. Frank als Moderator erfuhr von Andreas (alias Ossi) zu seiner Überraschung auf seine Frage nach dem geschichtlichen Hintergrund folgendes: „Was mich besonders beeindruckt hat, am geschichtlichen Hintergrund, war, sobald einer der Krieger gestorben ist, die Frau auch mitgetötet wurde. Das hat mir also sehr gefallen.“
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Nach diesem Kommentar war kein vernünftiges Interview ohne Lachen mehr möglich, zumal Frank immer nur nach dem geschichtlichen Hintergrund der Sophienkathedrale fragte.
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Diese Aufnahme entstand während eines Auftrittes einer ukrainischen Folkloregruppe. Die Professionalität der Musik- und Tanzeinlagen wirkten im Gegensatz zum Folkloreabend in Minsk eher nüchtern. Das Theater bot 5000 Zuschauern Platz. Da aber die Eintrittspreise für die Vorstellung bei 35,-DM lagen, waren nur rund 100 Zuschauer, überwiegend Touristen, anwesend. Aus diesen Gründen gelang es den Künstlern nicht Stimmung im Publikum zu erzeugen. Zudem standen wir immer noch unter den mitreißenden Eindrücken aus dem Kurheim in Minsk.
Abends fuhren wir wieder ins Stadtzentrum. Einige ließen sich von Straßenmalern Karrikatur- oder Poträtszeichnungen als Souvenir anfertigen.
Diese Nacht wurde für so manchen etwas unruhig. Ein kleiner, ausgewählter Teil der Gruppe hielt die Kollegen mit Anrufen und Streichen wach.
Fahrt nach Poltawa
Wieder mal verstauten wir unser Gepäck im Bus, dass schon um einige Souveniers – z. B. Matruschka Holzpuppen – reicher war. Wir nahmen Abschied von Kiev um nach Poltava der letzten Etappe vor unserem endgültigen Ziel – Donezk – zu fahren.
Die Buttongruppe prägte unterwegs ihre Sticker, von vielen unterstützt.
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Es war relativ ruhig im Bus, wir schliefen ode hingen unseren Gedanken nach. Vor einer Woche waren wir in Recklinghausen abgefahren und hatten schon 2500 Kilometer mit dem Bus zurückgelegt.
In Lubny aßen wir zu Mittag. Eine willkommene Abwechslung bot uns ein Kaufhaus, nach sowjetischen Maßstäben mit einem reichhaltigem Angebot. Wer in der Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis kleine Kinder hatte, nahm Baukästen oder Holzspielzeug mit. Andere kauften Flaggen, russische Computer auch Abakus genannt, wieder andere konnten dem verlockenden Angebot an Musikinstrumenten nicht wiederstehen. Für umgerechnet 45,- DM kaufte Frank eine Flöte, eine Geige mit Geigenkasten und noch ein Akkordeon. Etliche Balalaikas wurden eingekauft. Claudia und Reiner waren bei unserer Rückkehr zum Bus entsetzt über die Massen an Souvenirs, die wir noch irgendwie im Bus unterbringen mussten. Claudia sprach für den weiteren Reiseverlauf ein Mitnahmeverbot für sämtliche sperrigen Güter aus.
Wir verloren eine Stunde Zeit, weil wir unsere Uhren erneut eine Stunde vorstellen mussten; Moskauer Zeit.
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Poltava
Am frühen Abend erreichten wir, diesmal ohne große Suche, das Gewerkschaftshotel Mentaba-Tourist – eine Ferienunterkunft für Bergarbeiterfamilien aus der Donbass-Region. Der gleiche Ablauf wie immer bei der Ankunft; Begrüßung durch die Gewerkschaftsvertreter aus Donezk und Frau Erena – eine ältere Dame, Professorin für Germanistik -, die uns von nun an begleitete. Ausladen des Gepäcks, Vergabe der Zimmerschlüssel und Beziehen der Zimmer.
Aus den vorherigen Hotels waren wir ja schon einiges gewohnt, was die sanitären Anlagen betraf, doch dieses wirkte mehr als nur veraltet. Mit duschen wurde nichts. Die genauere Inspizierung der Zimmer brachte lebhaftes zu Tage. Als Zimmergenossen fanden wir Wanzen und Kakerlaken vor. Entsetzt und ratlos fanden wir uns alle in der Hotelhalle ein. Die örtliche Reiseleitung war mittlerweile eingetroffen. Unsere Empörung über das Ungeziefer traf auf Verständnislosigkeit, dass wäre doch ganz natürlich, ob man bei uns in den Hotels denn keine Probleme damit hätte? Aufgebracht und nach Lösungen suchend verließen wir das Hotel der Wanzen zur Stadtbesichtigung mit der Reiseleitung. Wir erfuhren wissenswertes über die Stadt und waren abgelenkt.
Poltava kommt aus dem türkischen und heißt soviel wie weißes Wasser. Die Stadt hat 180 Tausend Einwohner und liegt in einer landwirtschaftlich intensiv genutzten, fruchtbaren Gegend.
Nach dem schmackhaften Abendessen gingen wir dem Ungeziefer in unseren Zimmern aus den Weg, indem wir eine Flurparty in der 7. Etage des Hotels veranstalteten.
Aus verständlichen Gründen wollten wir die Nacht durchmachen!
Der Wanzenterminator Thomas führte eine Zimmersäuberungsaktion durch. Währenddessen bereiteten sich die Projektgruppen gemeinsam auf Donezk vor.
Die ersten Siebdrucke wurden erstellt, Buttons gedruckt, Lieder gesungen, Interviews der Radio- und Videogruppe aufgezeichnet.
Fredi bewertete die Gruppe zu diesem Zeitpunkt folgendermaßen: „Ich bin froh, dass die Stimmung, nachdem wir hier ja einigermaßen bedürftig untergebracht sind – zwar gut für russische und ukrainische Verhältnisse, aber eben für unsere Verhältnisse bedürftig-, dass die Stimmung noch so gut ist und dass sie nicht irgendwie in Depressionen oder Frust ausgeartet ist. Also ich glaub‘ schon, dass die Stimmung gut ist, und dass wir gerüstet sind morgen nach Donezk zu fahren.“
Abfahrt nach Donezk – nach wenig Schlaf – am anderen Morgen mit den Gewerkschaftsvertretern, Vladimir und Frau Erena.
Wir holten den versäumten Schlaf während der Fahrt nach. Frau Erena informierte uns über den Programmablauf der Woche. Fredi machte eine Abfrage der besonderen Verpflegungswünschen, die von den Familien zu berücksichtigen werden sollten (Vegetarier, Diabetiker usw.).
Kurz vor Donezk machten wir noch einmal halt.

3610 Kilometer hatten wir zurückgelegt als wir die Stadtgrenze von Donezk erreichten. Was erwartete uns? Ein undefinierbares Gefühl überkam uns. Eine Woche auf engsten Raum mit der Gruppe, und nun alleine in einer Gastfamilie.
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Donezk
Fahrt durch die Straßen von Donezk, immer dem Wagen der Gewerkschaftsvertreter folgend. Zu unserer Überraschung hingen überall Transparente, die das Kulturfestival Ruhr – Donbass zweisprachig ankündigten.


Unser Betreuer Vladimir verabschiedete sich über das Busmikro von uns und wünschte uns noch ein gutes Gelingen des Kulturfestivals.
Der vorausfahrende Wagen fuhr in eine Unterführung. Im letzten Moment merkte Claudia, dass die Unterführung für den Bus zu niedrig war. Wir mussten zurücksetzen und einen anderen Weg nehmen. Dabei verloren wir den Wagen aus den Augen. Kurz vor der Ankunft noch bange Minuten. Doch kurz darauf hatten wir den Wagen wiedergefunden und fuhren gemeinsam zum Haus der Gewerkschaft, wo wir empfangen wurden.
Die Gastfamilien und einige Interessierte erwarteten uns schon.
Chaos nach dem Aussteigen. Wir umringten die anwesenden Dolmetscherinnen und Frau Erena, in der Hoffnung bald Klarheit über die Unterbringung und die Gastfamilien zu erlangen.
Eine Folkloregruppe empfing uns singend mit Salz und Brot.
Während uns Blumen überreicht wurden, verteilte Fredi das Brot. Wir bedankten uns für die herzliche Begrüßung mit dem Lied Brüder zur Sonne zur Freiheit.
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Nach und nach wurden wir von der Dolmetscherin unseren Gastfamilien vorgestellt. Einige Familien fanden ihren Gast auch ohne Hilfe. Obwohl viele Gastfamilien nur russisch sprachen war die Verständigung das geringste Problem. Die Freundlichkeit und spontane Aufnahme machte uns die Trennung von der Gruppe einfacher.
Nach und nach fuhren wir mit unseren Gastfamilien nach Hause, dass für die nächsten Tage auch unser Zuhause sein sollte.
Nachdem uns die Wohnung gezeigt wurde, wurden wir Verwandten und Freunden vorgestellt. Auch wir erzählten von unseren Familien, schade das nicht jeder Fotos seiner Familie dabei hatte. Weiter sprachen wir über unsere Berufe, Arbeitsplätze und Gewerkschaftsarbeit; interessiert wurde alles ausgetauscht.
In den nun folgenden Tagen sollten wir immer wieder über unsere Versorgungslage und Konsummöglichkeiten, so wie über die bevorstehende Wiedervereinigung erzählen.
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Kulturfestival Ruhr – Donbass
Treffpunkt am Morgen des 10. Septembers war der Kulturpalast Lenin. Hier sollten unsere Ausstellungen und Projekte aufgebaut und präsentiert werden.

Unsere Familien brachten uns zum Treffpunkt.
Obwohl wir uns schon nach dem ersten Tag in den Familien wohl fühlten und wie ein Familienmitglied aufgenommen wurden, freuten wir uns die Gruppe wiederzusehen. Uns war bewußt geworden, dass wir die ständige Unruhe – das Gitarrenspiel von Jörg, die Rapp-Songs von Klaus, Christian und Oguz, das Lachen von Anja und Birgit oder die Geräuschkulisse von mindestens drei verschiedenen Musikstücken aus diversen Cassettenrekordern u. v. m. – vermißten.
Beim Wiedersehen ging alles drunter und drüber. Jeder wollte seine Erlebnisse als erster erzählen und seine Familie vorstellen. Auch die Gasteltern tauschten ihre Eindrücke aus. Die Dolmetscher versuchten vergeblich in dem Gewühl von redenden Menschen die organisatorischen Sachen für den Tag zu klären.
Es wurde dann in kleinen Gruppen abgeklärt, dass wir den gesamten Tag im Kulturpalast verbringen würden. Einige Gasteltern äußerten sich besorgt über das fehlende Mittagessen. Teilweise wurden wir zum Essen abgeholt oder bekamen etwas vorbeigebracht.
Nachdem die organisatorischen Fragen einigermaßen geklärt waren, blieben wir allein im Kulturpalast Lenin zurück, um mit dem Aufbau zu beginnen.
So reibungslos wie wir uns den Aufbau vorgestellt hatten, funktionierte es nicht. Wir hatten uns schon während der Vorbereitungszeit für die Fahrt auf einige Schwierigkeiten und unvorhergesehene Dinge eingestellt, doch vor Ort sah alles anders aus.
Die Räume für die Projektgruppen waren noch nicht festgelegt; die Materialien und alle Utensilien waren noch im Bus oder im LKW (der eine Woche vor uns in Recklinghausen losgefahren war und unsere Materialien transportierte), so dass wir mit unserer Arbeit nicht sofort beginnen konnten. In der Zeit in der wir auf den Bus und den LKW warteten, wurden die Räumlichkeiten den Projektgruppen zugeordnet.
Nach dem Eintreffen der Materialien begannen wir mit dem eigentlichen Aufbau und den Vorbereitungen. Jeder half da mit, wo er gerade gebraucht wurde. Gemeinsam und mit vielem improvisieren füllten wir den Kulturpalast mit Leben und unserer Kunst.
Dieser arbeitsreiche und hektische Tag war vorerst der letzte Tag, an dem unsere Gruppe vollständig war. Die nächsten Tage verbrachten wir hauptsächlich mit unseren Familien, die uns die Stadt Donezk und Umgebung, sowie auch teilweise ihren Arbeitsplatz im Bergbau zeigten.
Einige von uns arbeiteten nebenbei in der Medienwerkstatt, einer Videogruppe, die Filmmaterial von den Aktionen des Kulturaustausches und den Alltag in Donezk (Schule, Berufsleben usw.) sammelten, um damit eine Dokumentation der Friedensfahrt zu erstellen.
Projektgruppen
Im folgenden stellen wir die elf Kunst- und Kulturprojekte des IGBE Bezirkes Ruhr-Nord vor, die in der Zeit vom 10.09.91 bis 16.09.91 am Kulturfestival Ruhr – Donbass teilnahmen.
Neben den Auftritten bei einigen Veranstaltungen (Folkloreabend, sowjetisches Fernsehen…), stellten wir unsere Projekte während dieser Zeit im Kulturpalast Lenin in Donezk aus.
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Break-Dance/Schwarzlicht – Heinrich-Imig-Heim
Klaus Matiodakis
Christian Smarslik
Oguz Ceylan
Die drei führten Break-Dance vor, sangen eigene Rapp-Songs und brachten als Discjockey’s Sondereinlagen mit scratching.
Darüberhinaus zeigten sie ihre selbsterstellten Bilder im Schwarzlicht der Antiapardheid-Disco.
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Anti-Apartheids-Disco – Jugendheim Oer-Erkenschwick
Klaus Terheyden
Thomas Lippert
Andreas Ostdorf
Bernd Dröse
Christian Kapelczak
Die Anti-Apartheid-Disco wurde mit einem Diavortrag „Südafrika“ eröffnet. Weiterhin wurden in der Disco Lieder zu diesem Themenkomplex gespielt.
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Begehbares Röhren-Sampler-Projekt – Jugendheim Langenbochum
Markus Kayser
Stefan Plumpe
Olaf Malone
In einer aufblasbaren, begehbaren Röhrenskulptur wurde versucht, den Besuchern einen Eindruck vom Bergbau unter Tage zu vermitteln. Beim Durchgang wurden durch Bodenkontakte bergbauspezifische Geräusche ausgelöst und hörbar, die über einen Musikcomputer (Sampler) gesteuert wurden.
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Radio- und Videoprojekt
Jörg Duda (Radio
Hans-Joachim Henze (Video)
Michael Martens (Video)
Jörg sammelte O-Töne um nach der Fahrt eine Reportage des Jugendkulturaustausches im Lokalrundfunk Funk im Vest (FiV) zu senden.
Hajo und Michael hielten die Friedensfahrt mit der Videokamera fest, um einen Bericht zu erstellen.
Zusammen mit den Teilnehmern der Medienwerkstatt wurde schon in Donezk ein Kurz-Video der Friedensfahrterstellt. Die Cassette mit beiden Videos liegt in der Bezirksleitung Ruhr-Nord zur Ausleihe.
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Foto-Projekt – Jugendheim Röllinghausen
Birgit Sydow
Anja Krenz
Die beiden zeigten ihre Fotoausstellung Bergbau-Impressionen, die Fotos mit verschiedenen Entwicklungstechniken enthielt.
Von ihnen wurde die Fahrt auf vielen Fotos festge-halten, um anschließend in einer Dokumentation in Formeiner Ausstellung und dieses Tagebuches wiederverwand zu werden.
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Trash-Metall-Band – Jugendheim Dorsten
Dieter Backs
Dirk Kawinski
Thomas Lendzian
Michael Hinz
Thomas Haupt


Die Gruppe Dipsomania bot mit ihren Auftritten dem sowjetischen Publikum eine Kostprobe der dort kaum bekannten Musikrichtung.
Im Anschluß an die Friedensfahrt veranstaltete die Band ein Benefizkonzert für die UdSSR. Der Erlös floß in die UdSSR-Spenden-Hilfsaktion.
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Ver- und Entsorger – DMT Berufsschule Mitte
- Torsten Endreß
- Dirk Wallmeier
- Carsten Schmidt
Die drei stellten ihren Beruf „Ver- und Entsorger“ in einer Fotoausstellung vor.
Während der Fahrt machten sie Gewässerproben, die sie später auswerteten.
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Zeichnungen/Motive
- Dirk Bonikowski
Boni gestaltete die Busfront und zeichnete die Motive für die Siebdruck- und Buttongruppe.
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Siebdruck – Jugendheim Marl
- Jürgen Grunwald
- Thomas Daim
- Martin Gorgon
- Ergün Kalayci
- Köksal Zorlu
Mit der Siebdruck-Technik wurden T-Shirts und Plakate mit Bergbau-Motiven bedruckt.


Buttongruppe – Jugendheim Oer-Erkenschwick
- Georg Feiertag
- Frank Urselmann
- Oliver Krawczyk
Die Gruppe fertigte Buttons selbst an. Die Buttons konnten mit eigenen Motiven oder Kreationen gestaltetwerden, aber auch andere Motive, wie z. B. Motive der Friedensfahrt oder das Emblem, dass den hinteren Teil des Busses zierte, waren als Buttons zu haben.
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Bus
- Claudia Kochanski
- Reiner Lorek
Claudia und Reiner steuerten uns die lange Fahrt unfallfrei und mit viel Spaß.
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Offizielles Programm in Donezk
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Dienstag, 11. September 1990
Eröffnung des Festivals im „Kulturpalast Lenin“ mit sowjetischen und deutschen Künstler- undFolklore-gruppen.
Mittwoch, 12. September 1990
Im Rahmen einer Pressekonferenz wurden unsere Projekte den anwesenden sowjetischen Gewerkschafts-kollegen undder Presse vorgestellt.
Ein direkter Kontakt mit den Kulturprojekten ver-anschaulichte den Anwesenden die Intention der Künstler.
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Am Abend fand im „Kulturpalast Puschkin“, gemeinsam mit den Gastfamilien, ein ukrainischer Folklore-abendstatt. Uns wurden landesübliche Speisen, Tänze und Gesänge geboten. Wir revanchierten uns mit deutschen Volksliedern und einer Break-Dance Einlage.
Donnerstag, 13. September 1991 und Freitag, 14. September 1991
Unsere Gruppe fuhr mit einigen sowjetischen Ge-werkschaftskollegen für zwei Tage zum Assowschen Meer.
Die Trasher und Break-Dancer blieben in Donezk und bereiteten sich auf ihre Fernsehauftritte am Freitag vor.
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Wir fuhren mit einem Intourist-Bus und kamen gegen Mittag am Assowschen Meer in Novoazowskoje an.
Dort wurden wir von unserem Bezirksleiter Diethard Bendrat herzlich in Empfang genommen. Er war aufEinladung des örtlichen Gewerkschaftsrates zur Festivalwoche nach Donezk gereist.
Wir nutzten die Zeit, um Eindrücke und Erfahrungen auszutauschen.
Trotz des Regens ließ sich ein „harter Kern“ nicht davon abhalten eine Sandburg auf sowjetischenBoden zu errichten.
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Gemeinsam mit den anderen Hotelgästen veranstal-teten wir am Abend eine Disco.
Am nästen Tag erzählte uns Frau Erena wissenswertes über Donezk und Umgebung. Sie berichtete über die&xnbsp; Industrialisierung, Infrastruktur, wirtschaftliche Lage, Bergbau und den Alltag in ihrer Stadt. Auch über dieGewerkschaft wusste sie interessantes zu berichten.
Am frühen Nachmittag fuhren wir zurück nach Donezk und wurden von unseren Familien empfangen.
Samstag, 15. September 1990
Wir verbrachten den letzten Vormittag mit den Familien.
Um 13 Uhr begannen die Abbauarbeiten im Kultur-palast Lenin. Alle Materialien mussten wiedersorg-fältig verpackt und in dem Bus bzw. LKW verstaut werden.
Anschließend fuhren wir gemeinsam zum Abschlußfest des Kulturfestivals Ruhr-Donbass in den Stadtparkvon Donezk.
Große Freude gab es beim Wiedersehen mit den Break-Dancern und Trashern, nach ihrem erfolgreichenFernsehauftritt.
Neben den Darbietungen der sowjetischen und deutschen Künstlern, vom Jungen Forum, DGB, sowie dieTrash-Metall-Band und die Break-Dance-Gruppe, fanden auch nebenbei noch zahlreiche Aktionen statt.
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Das Volksfest endete mit einem Feuerwerk am späten Abend.
Die Koffer mussten noch gepackt werden und es gab noch viel Gesprächsstoff, so dass die letzte Nacht in denFamilien, für viele von uns recht kurz wurde.
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Rückfahrt
Am Sonntag, den 15. September, trafen wir uns um 7 Uhr 30 am Gewerkschaftshaus. Hier waren wir vor knapp einerWoche angekommen, und hier war auch der Ort des Abschieds. Die Stimmung war auf beiden Seiten sehr gedrückt.
Unser Bus stand schon vor dem Gewerkschaftshaus und sollte gemeinsam beladen werden.
Zum Abschied machten wir noch einmal ein Gruppenfoto.
Trotz des relativ kurzen Aufenthaltes in Donezk fiel uns allen der Abschied schwer. Jeder war mit seineneigenen Gefühlen beschäftigt.
Nach und nach trennten wir uns von unseren Gastfamilien und stiegen in den Bus. Die Türen schlossen sich, wirfuhren ab, der Abschied war endgültig.
Zu viel ging in den Köpfen umher, nun hatten wir unseren eigentlichen Auftrag erfüllt und es ging nachHause.
Noch etliche Kilometer legten wir im Bus zurück und waren für die nächsten 3 Tage wieder auf engsten Raumzusammen. Frau Erena begleitete uns noch bis Brest.
Am Sonntag fuhren wir in gut 13 Stunden die Strecke nach Kiew (770 Kilometer). Durch die Zeitverschiebungkonnten wir uns eine Stunde länger ausruhen. Wir übernachteten in Kiew wieder im gleichen Hotel wie auf der Hinfahrt.
Montag; in aller Frühe fuhren wir weiter Richtung Brest. Während einer Pause in Zitamin bemerkte Fredy, dasser die Reisekasse vor den Hoteldieben zu gut versteckt hatte, so dass er die Kasse selbst vergessen hatte.
Für uns hieß es fünf Stunden warten. In dieser Zeit fuhren Fredy, Jürgen und Frau Erena mit einem Taxizurück nach Kiew und holten die Kasse. Wir nutzten den ungewollten Zwischenstop um Video-Interviews zu machten und um die Stadt zu erkundeten.
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Bericht über die Befahrung von zwei Schachtanlagen in der UdSSR, von Georg Feiertag
Ich hatte die Möglichkeit zwei Schachtanlagen zu besichtigen, bei der einen den Tagesbetrieb, bei der anderenden Untertagebetrieb.
Sowohl im Über- als auch Untertagebetrieb war auffällig, dass moderne Maschinen und Techniken, mit starkveralteten (einige waren mehr Museumsreif), kombiniert wurden. Improvisieren war sehr oft Trumph und Ersatzteile sehr schlecht zu erhalten.
Im Tagesbetrieb waren auffällig viele Frauen beschäftigt; als Maschinistinnen, Platzarbeiterinnen, in derWartung usw..
Im Untertagebetrieb, wo ein Streckenvortrieb gezeigt wurde, stand eine moderne Teilschnittmaschine. DieFörderbänder, welche dieser Maschine naschgeschaltet waren, ließen keinen Zweifel daran,
a) dass sie nicht in der Lage waren, aufgrund ihrer Aufnahmekapazität, dass Schüttgut abzufördern.
b) dass sie mehr als etliche Jahre schon benutzt wurden.
Arbeitsschutzmittel und Schutzeinrichtungen ließen sehr zu wünschen übrig.
Folgende Arbeitsschutzmittel und Schutzeinrichtungen fehlten:
– in den Schuhen/Gummistiefeln waren keine Stahlkappen
– es gab keine Handschuhe
– Schienbein- und Kniebeinschoner waren gar fast unbekannt
– an den Maschinen gab es keine Not-Aus Schutzeinrichtung
– drehende Teile waren nicht abgedeckt
– usw.
Auf die Frage, warum das so ist, erhielten wir zur Antwort: Das die Arbeitsschutzmittel sehr teuer und zweitensschlecht zu erhalten sind.
Erstaunlich war, dass man die Sachen als zu kostenträchtig ansah, doch bei der Einrichtung einer eigenen Betriebssporthalle, die als notwendig angesehen wurde, achtete man nicht auf die anfallenden Kosten.
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Nachdem Fredi wieder zurück war, fuhren wir weiter. Die schlechte Straßenlage erlaubte es nicht, dass Claudia und Reiner die verlorene Zeit wieder aufholten.
Nach 650 Kilometer, mit Irrfahrt durch die nebelige Nacht, kamen wir vollkommen geschafft erst gegen 3 Uhr morgens am Hotel Belarussia in Brest an.
Nach knapp fünf Stunden Schlaf, hieß es aufstehen und frühstücken. Im Hotel nutzten wir die Möglich-keit unsereletzten Rubel auszugeben, da keine sowjetische Währung ausgeführt werden darf.
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Claudia und Reiner tankten unseren Bus noch einmal auf, während wir uns die Beine vertraten. Vor der Grenze verabschiedeten wir uns von Frau Erena, die wir alle liebgewonnen hatten.
An der sowjetisch-polnischen Grenze fuhren wir mit Schrittgeschwindigkeit an der endlosen Busschlange vorbei zum Schlagbaum. Wie schon bei der Einreise verlief alles geordnet und zügig ab. Der Bus wurde streng kontrolliert, während wir wieder zu Fuß die Grenzanlagedurchschritten.
Unsere Uhren stellten wir auf die Mitteleuropäische Zeit und verließen die UdSSR gegen 11 Uhr 20.
Auch am polnischen Grenzübergang klappte alles reibungslos. Wir mussten nochmals ein Transit-Visa ausfüllen und konnten dann weiterfahren. Die Reise durch Polen verlief bis auf einen Obstkauf am Straßenrand, ohne nennenswerte Störungen.
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Die üppigen Lunchpakete reichten nur bis Brest, so dass wir gezwungen waren unser „Mittagessen“ inPolen in Form eines Apfels pro Mann und Frau am Straßenrand zu kaufen.
Wie schon am vorherigen Grenzübergang, fuhren wir auch am polnisch-deutschen wieder an der Bus-Schlange vorbei. Wir versuchten über die PKW-Spur nach Frankfurt/Oder in die Bundesrepublik Deutschland einzureisen.
Christian, Martin und Fredi erledigten die Zollformalitäten. Der Zollbeamte forderte für eine zügige Abfertigung eine Flasche Wodka. Es blieb uns nichts anderes übrig als der dreisten Forderung nachzukommen. Danach verließen wir Polen gegen Mitternacht.
An der nächsten Tankstelle versorgten wir uns, in einem Kaufrausch, mit „West-Produkten“.
Jetzt konnte es nicht mehr schnell genug gehen. Jeder wollte nach Hause.
Wir trafen um 8 Uhr 40 an der Bezirksleitung in Recklinghausen ein.
Etwa 6.100 Kilometer hatten wir seit dem Start vor 19 Tagen zurückgelegt.
Die Recklinghäuser Presse hielt unsere Ankunft in Bild und Text fest, Eindrücke konnten zu diesem Zeitpunkt nurbruchstückhaft vermittelt werden. Die lange Rückfahrt war nicht spurlos an uns vorüber gegangen, doch den Bus mussten wir noch ausräumen und entladen.
Trotz der letzten strapaziösen Stunden und der Freude wieder zu Hause zu sein, konnten wir uns nur schwer von unserer Gruppe lösen.
Es dauerte einige Zeit bis jeder die Eindrücke der Friedensfahrt verarbeitet hatten. Nach und nach wurden unsdie Erlebnisse in der Gruppe und in den Gastfamilien bewußt.
[1] Zum Zeitpunkt der Fahrt existierte das Staatsgebilde DDR noch.